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»Wolnandus oder Vom Versuch, ein Drehbuch zu schreiben«

Auszüge aus der Korrespondenz zwischen Michael Lagers (Historiker), Kim Wegener (Archäologe) und Anna Lammers (Projektleiterin der Archäologischen Zeitmaschine).

Für unsere YouTube-Serie „Eine archäologische Zeitreise“ planten wir die Folge „Pracht und Niedergang: Die Holsterburg“. Dafür musste ein Drehbuch her. Kein Drehbuch für einen 90-minütigen Spielfilm voller special effects, sondern ein Drehbuch für einen knappen, kurzweiligen, selbstgedrehten Dokumentarfilm.

Kim Wegener mit mittelalterlichen Figürchen im Film "Eine archäologische Zeitreise" auf YouTube. Bild: Altertumskommission/A. Lammers.

Wie sich zeigte, verbargen sich die special effects in diesem Fall vor allem in der Vorbereitung. Denn was so harmlos klingt, stieß eine Lawine an kreativem Austausch los: ein Ringen um wissenschaftliche Genauigkeit und das zumutbare Maß an Informationen, eine nachvollziehbare Erzählung bei komplexer Faktenlage, Anschaulichkeit trotz bisweilen ruinöser Quellenlage.

Michael Lagers mit einem Ritterfigürchen im Film "Eine archäologische Zeitreise" auf YouTube. Bild: Altertumskommission/A. Lammers.

Eine Kostprobe aus diesem Prozess bieten wir hier: 

Anna Lammers schrieb:

Liebe Mitstreiter:innen,

wir nähern uns abermals Hollywood. Das Kürzen und Anpassen des Skripts hat es von 3 auf 4 Seiten anwachsen lassen, was ausnahmslos der Präzisierung von Fragen und Inhalten geschuldet ist. :-) … Es könnte ein abendfüllender Film werden, wir peilen aber „nur“ das Vorprogramm an, weswegen gern nochmal der Rasenmäher darüber gehen darf. Ich bitte um null Toleranz, wenn es um die Verbesserung im Sinne von Nachvollziehbarkeit, Spannung, Vermittlungsauftrag, Stil geht! …

Viele Grüße, Anna

Kim Wegener schrieb:

Hi,

offenbar hatte ich den Arbeitsauftrag im Zusammenhang mit dem Skript missverstanden - ich dachte, es geht vornehmlich um Kürzungen. Ich habe nun in den Kommentaren „nachgebessert“.

Beste Grüße & schönes WE, K.

Michael Lagers schrieb:

Liebe:r Freund:innen der Holsterburg,

am Wochenende habe ich mich erneut ins Skript hineingekniet und versucht, auf die Fragen schlüssige und nachvollziehbare Antworten zu finden und zu geben. Dabei ist der Entwurf wieder um einige Seiten angewachsen … Ich werde noch ein wenig darüber brüten und schauen, wo gestrafft werden könnte.

Beste Grüße, Michael  

Eine historische Urkunde mit Wachssiegeln. Foto: Altertumskommission/A. Lammers.

Die Causa Wolnandus: Wer hat‘s erbaut?

Michael Lagers schrieb:

Als Erbauer würde ich die von mir genannte erste Generation nicht bezeichnen [s. Literaturangabe unten, Anm. AL]. Es gibt noch einen Wolnandus, der spätestens um 1190 im Besitz eines „castri Holzhvsun“ ist, welches zur Hälfte vom Mainzer Erzbischof zu Lehen geht. Sehr wahrscheinlich ist hier die Holsterburg gemeint. Dieser Wolnandus dürfte mit dem Wolnandus de Holthusen gleichzusetzen sein, der um 1270 urkundlich erscheint und somit schon rund 20 Jahre früher mit dem Ort namentlich in Verbindung gebracht wird. In diesem Zeitraum würde ich den Bau der Burg ansetzen, sehr wahrscheinlich erbaut von besagtem Wolnandus.

Meine gewagte Rekonstruktion (eine von mehreren): Wir haben es mit einer ursprünglichen Eigenburg zu tun, die – aus welchen Gründen auch immer – zunächst der Mainzer Kirche anteilig übertragen wurde bzw. werden musste. Die andere Hälfte blieb erst einmal im Besitz der Familie und wurde erst später an Köln übertragen. Ein solcher Vorgang war keineswegs unüblich, um sich beispielsweise Konflikten zu entziehen. Die Burg wurde nämlich durch die Doppelbeteiligung von Mainz und Köln quasi neutralisiert und bot darüber hinaus die Rückendeckung zweier Großpotentaten gegen etwaige Ansprüche vonseiten lokaler Dynasten oder der Paderborner Kirche. (Hierzu lässt sich leidenschaftlich diskutieren. ;-) )

Wo wir uns sicher einig sind: Der Bau geht auf die von Bercule / von Holthusen zurück.

Beste Grüße und bis morgen.

Michael

Kim Wegener schrieb:

Ich möchte in der Causa Wolnandus widersprechen. Überzeugend ist die [o.g.] Rekonstruktion nicht: denn das Argument, dass auch später nur die Hälfte der Burg in Mainzer Besitz war, dies also in der Urkunde von 1183 ein Argument für Holzhausen bei Warburg sei, impliziert, dass zu diesem Zeitpunkt die Übergabe an Köln bereits stattgefunden hätte. Dann aber wären Hermann und Bernhard Bircule schon 1183 im Besitz der Burg gewesen. … Vor diesem Hintergrund ist auch die Übertragung der gesamten Burg an Köln ("Herman Bircule et Bernart frater suus ecclesie Coloniensi dederunt domum suam Holthusen cum omnibus attinentiis pro C marcis") schwierig. Eine hälftige Verteilung auf Mainz und Köln mit sicherem Bezug auf die Holsterburg und Holthusen findet sich erst in einem Lehensregister der Zeit um 1230/40 ("De Coloniensi episcopo: Teneo viginti mansos in Holthusen et mediam partem castri. De Moguntinensi episcopo: Teneo undecim mansos in Holthusen et castri mediam partem.") ...

Daher würde ich die Brüder Bercule tatsächlich als die wahrscheinlichen (!) Erbauer der Anlage sehen. Einziges Gegenargument ist m.E. ein dann wahrscheinlich sehr langes Leben des Bernhard Bercule, der 1234 noch eine Schenkung an Arolsen bezeugt und demnach ca. 70-80 Jahre alt geworden sein dürfte.

Sonnige Grüße aus der 3. Etage und bis morgen! K.

Anna Lammers schrieb:

Das wird lustig. Bis morgen!

Michael Lagers schrieb:

@ Kim: Wir sollten uns bei Gelegenheit mal bei einem oder zwei Bierchen intensiv über die vielen möglichen Theorien rund um die Holsterburg austauschen. Es ist immer wieder eine Freude mit Kolleg:innen, die im Thema sind, abzuwägen, was passiert sein könnte und was sich ausschließen lässt. Beste Grüße!

Michael

Kim Wegener schrieb:

Passt.

 

Die Ruine der Holsterburg im Abendrot. Foto: Altertumskommission/A. Reck.

Literatur zum Thema:

Michael Lagers, Der Paderborner Stiftsadel zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Auf- und Ausbau niederadeliger Machtstrukturen. Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte 74 (Paderborn 2013).

Hans-Werner Peine/Kim Wegener, Die Holsterburg bei Warburg, Kreis Höxter. Frühe Burgen in Westfalen 43 (Münster 2020).

Hans-Werner Peine/Kim Wegener, Zur repräsentativen Außenfassade der Holsterburg bei Warburg (Nordrhein-Westfalen). Eine oktogonale Ringmauer aus archäologisch-bauhistorischer Perspektive. Burgen und Schlösser. Zeitschrift für Burgenforschung und Denkmalpflege 3/2017, 149–165.

Hans-Werner Peine/Kim Wegener, Die Holsterburg bei Warburg – Zeugnis von Innovation und Konflikt. In: Matthias Wemhoff/Michael M. Rind (Hrsg.), Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Ausstellungskat. Berlin (Darmstadt 2018) 410–411.

Kim Wegener, Die Holsterburg bei Warburg. In: Peter Ettel/Anne-Marie Flambard Héricher/Kieran O’Conor (Hrsg.), Château Gaillard 29 – Vivre au Château. Études de castellologie médiévale. Actes du colloque international de Château-Thierry, 26 août-1er septembre 2018 (Caen 2021) 379–382.

Download: Whitepaper »Wolnandus oder Vom Versuch ein Drehbuch zu schreiben« in DIN A4 als pdf

»Eine archäologische Zeitreise ins westfälische Mittelalter. Pracht und Niedergang der Holsterburg.« ab dem 2.8.2022 auf YouTube bei der Altertumskommission!

Mehr Wissen:

Burgenforschung bei der Altertumskommission für Westfalen

LWL-Museum in der Kaiserpfalz, Paderborn