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»Alle Hermanns bitte einmal melden!«

Genealogie als Herausforderung oder Alptraum historischer Forschung?!

Von Michael Lagers

Vor genau 728 Jahren eroberte ein militärisches Aufgebot verbündeter Städte unter der Führung Warburgs die Holsterburg unweit der Diemel und zerstörte sie. Darüber gibt eine Urkunde des Paderborner Bischofs Otto von Rietberg Auskunft, die im Stadtarchiv Warburg als Urkunde 6 geführt wird. Während darin die beteiligten Städte explizit genannt werden, vermeidet es der Aussteller, die Verteidiger beim Namen zu nennen. Es wird lediglich erwähnt, dass einige von ihnen hingerichtet wurden, andere in Gefangenschaft gerieten.

Wer waren sie, die Besitzer und Verteidiger der Holsterburg? Wie gelingt es überhaupt, einzelne Personen zu identifizieren, die vor mehr als 700 Jahren gelebt haben? Was unterscheidet sie von ihren Zeitgenossen? Welche Merkmale sind es, die es uns heute noch ermöglichen, sie im Schriftgut des 12. und 13. Jahrhunderts ausfindig zu machen?

Um es mit den Worten von Kurt Tucholsky zu beantworten:

»Der Name ists, der Menschen zieret,
weil er das Erdenpack sortieret –
bist du auch dämlich, schief und krumm:
Du bist ein Individuum.«

Die Ruine der Holsterburg während der Grabung 2016, im Hintergrund Warburg. Foto: LWL/R. Klostermann.

Gerade im Mittelalter stieg mit der zunehmenden Verschriftlichung von Rechtsakten das Bedürfnis, das Individuum zu betonen, um es erkenn- und identifizierbar zu machen. Das galt insbesondere für Personen, die über Eigen- oder Lehnsbesitz verfügten, denn sie mussten schließlich in der Lage sein, sich gegen Anfechtungen zu behaupten. Mit der Erblichkeit von Lehen entstand zudem das Bedürfnis, seine familiäre Zugehörigkeit und damit den Erbanspruch dauerhaft sichtbar zu machen. Eine solche Sichtbarmachung gelang unter anderem mit der Verwendung von Zunamen. Häufig wurden sie aus den Namen der Orte gebildet, zu denen die Personen einen besonderen Bezug wie Herkunft oder Wohnsitz hatten. Bis heute lässt sich dieser Bezug in dem Adelsprädikat „von“ ablesen.

War ein Hermann noch zu Beginn des 12. Jahrhunderts ein Hermann unter vielen, lässt er sich nur wenige Jahrzehnte später beispielsweise als Hermann von Holthusen bestenfalls klar von den übrigen Hermanns seiner Zeit unterscheiden und darüber hinaus auch noch einer Familie und einem Ort zuweisen. Wenn dann auch noch der Überlieferungsstand aus mehr als einer Urkunde besteht, lassen sich bestenfalls noch spannende Informationen über die Größe des Raumes gewinnen, in dem er wirkte, Aussagen treffen über die Menge und die Form der Besitztümer, lässt sich ein Freundes- wie auch Feindeskreis ermitteln und womöglich noch das ungefähre Lebensalter bestimmen. Allerdings: Der beste Fall, der „bestenfalls“ zutrifft, trifft bestenfalls von Fall zu Fall – also äußerst selten – zu. Wie sieht es nun konkret mit denen von castri dicti holthusen aus?

Das oben genannte Beispiel ist schon direkt aus dem Leben derer von Holthusen gegriffen, denn in der Tat ist der Vorname Hermann einer der frühesten, der im Zusammenhang mit der Familie auftaucht, und nicht nur das: Er ist für rund 100 Jahre in mindestens drei Generationen vertreten und somit Leitname derer von Holthusen. 

Diese Urkunde aus dem Jahr 1294 berichtet von der Zerstörung der Holsterburg. Quelle: Stadtarchiv Warburg, Urkunde 0006.

Mit „Hermann“ und „Holthusen“ treffen für das späte Hoch- und frühe Spätmittelalter freilich zwei Allerweltsnamen aufeinander, die sich in Kombination zueinander zwar schon sehr deutlich zur gesuchten Familie hinwenden, dennoch aber immer noch genügend Spielraum bieten, um die Namensträger auch anderen der vielen Geschlechter mit Namen „Holthusen“ zuweisen zu können. Womöglich war dies auch den zeitgenössischen Urkundenschreibern bewusst, denn nahezu zeitgleich mit der Verleihung des ortsbezogenen Zunamens führten Hermann, sein zeitgleich auftretender Bruder Bernhard und alle nachfolgenden Mitglieder der Familie einen weiteren Zunamen: Berkule!

Während über die Bedeutung dieses Namens weitestgehend Unklarheit herrscht, liegt die Funktion auf der Hand. Keine andere Familie weit und breit führte diesen exotischen Beinamen. In Westfalen und auch in den benachbarten Regionen war er allein denen von Holthusen an der Diemel vorbehalten.

Oftmals verzichteten die Schreiber komplett auf „von Holthusen“ und begnügten sich mit „Hermann Berkule“. Der Name war eindeutig und ließ keinen Zweifel daran, wer gemeint war. Was für Hermanns Zeitgenossen galt, gilt auch für die heutige Geschichtsforschung: Erst „Berkule“ gibt die hundertprozentige Gewissheit, es mit einem echten Holsterburger zu tun zu haben.

Wenngleich die Familie auf diesem Weg eindeutig identifiziert werden kann, bleibt da noch das Leid mit dem Leitnamen. Zwar ist „Hermann“ ein prima Indikator, um eine Person den Berkule zuzuordnen, aber wie sieht es mit den einzelnen Hermanns aus dem Hause von Holthusen/Berkule aus, deren Lebzeiten sich überschnitten bzw. sich hätten theoretisch überschneiden können? Schließlich muss die neue Generation nicht erst mit dem Tod der alten urkundlich in Erscheinung treten. Bei einer intensiven Nutzung von Leitnamen ist stets die Möglichkeit mit in Betracht zu ziehen, dass mehr als ein Hermann zeitgleich wirkte.

Hermann wir erstmalig 1188 eindeutig urkundlich sichtbar und tritt bis 1206 zumeist mit seinem Bruder Bernhard auf. Nach einer Überlieferungslücke von 13 Jahren verändert sich die Konstellation. 1219 erscheinen die beiden Namen erneut gemeinsam in Urkunden, allerdings mit einem Wechsel in der Reihenfolge: Nun ist es der Name Bernhard, der vorn steht und somit darauf aufmerksam macht, dass die führende Rolle in der Familie neu vergeben wurde.

Was war geschehen? Hat sich Bernhard als offensichtlich Zweitgeborener durch Heirat oder Amtswürden an Hermann vorbeigeschoben und die Stelle des ersten Repräsentanten seiner Familie übernommen? Oder ist Hermann I. zwischenzeitlich verschollen oder verstorben, sodass es ab 1219 Hermann II. ist, der gemeinsam mit Bernhard urkundlich sichtbar wird?

Welcher Hermann mag unter dem Helm stecken? Ritter mit montiertem Berkule-Wappen. Vorlage: Cod. Pal. Germ. 848, Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse). Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340. Seite 61v. Universitätsbibliothek Heidelberg. Montage: Altertumskommission für Westfalen.

Letzteres ist zwar nicht eindeutig nachweisbar, dürfte aber am wahrscheinlichsten sein. Spätestens 1234 ist klar, dass Bernhard einen Sohn hatte, dem er den Namen Hermann (= Hermann II. oder Hermann III.) gab. Vorausgesetzt, es handelt sich um Bernhard I., könnte dessen Sohn Hermann bereits 1219 an der Seite seines Vaters sichtbar geworden sein.

In einer Urkunde von 1224 erscheint Hermann aber als cognatus von Bernhard, womit unmöglich eine Vater-Sohn-Beziehung gemeint sein kann. Hermann tritt als Neffe (= cognatus) Bernhards auf, also als Sohn Hermanns I., was einmal mehr betont, dass Hermann I. bereits verstorben war und seine Rolle nun vom gleichnamigen Sohn (= Hermann II.?) übernommen wurde. Für die zweite Berkule-Generation bedeutet dies also, dass beide Linien – sowohl die von Hermann I. als auch die von Bernhard I. – von jeweils einem Hermann angeführt wurden, und das nahezu zeitgleich. Und wäre es damit nicht genug der Hermanns, trat zur Mitte des 13. Jahrhunderts ein Hermann aus dem Hause Itter auf und hinzu, der in die Familie Berkule einheiratete und womöglich eine neue Linie begründete: die der von Calenberg.

Hermann von Itter selbst ist es, der spätestens ab 1259 als Hermann von Calenberg erscheint, nachdem er auf dem gleichnamigen Bergsporn eine Burg errichten ließ. Einer seiner beiden Söhne bekam – wie sollte es anders sein – den Namen Hermann. Beide Söhne wiederum zeugten Söhne, die ab 1293 als Hermann von Calenberg und Hermann von Calenberg urkundlich erscheinen.

Inzwischen dürfte auch den Zeitgenossen der Überblick so gut wie entschwunden sein. Für die beiden letztgenannten fanden die Schreiber schließlich eine Unterscheidung, die dem Individuum ganz im Sinne von Tucholsky entsprach: Hermann der Lange (longior) und Hermann der Kurze (brevior).

Zusammen mit denen von Holthusen, die von Hermanns III. Sohn Hermann IV. vertreten wurden, standen somit 1294 mindestens vier Hermanns dem Städtebündnis gegenüber. Die von Calenberg haben die Auseinandersetzungen überlebt, womöglich, weil sie nicht unmittelbar an der Verteidigung der Holsterburg beteiligt waren. Für Hermann IV. hingegen dürften die Kämpfe ein tödliches Ende genommen haben.

Stammtafel der von Calenberg (Berkule/von Holthusen). Die Daten beziffern die schriftlichen Nachweise der Personen. Quelle: Michael Lagers, Der Paderborner Stiftsadel zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Auf- und Ausbau niederadeliger Machtstrukturen. Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte 74 (Paderborn 2013), Tafel V.1, S. 534.

Hermann war übrigens auch der Leitname der Familie Spiegel, die auf dem benachbarten Desenberg saß. Auch von hier dürfte den Berkule Unterstützung zugetragen worden sein. Immerhin gab es spätestens seit 1286 ein Ehebündnis mit denen von Calenberg. Aus solchen Verbindungen traten nicht selten Bündnisse zum gegenseitigen Schutz hervor. Sollte dem so gewesen sein, dürften noch zwei weitere Hermanns in den Konflikt eingegriffen haben: Ritter Hermann Spiegel zum Desenberg und dessen gleichnamiger Sohn, ebenfalls Träger der Ritterwürde. 

Die Burg Calenberg bei Warburg in ihrem heutigen Zustand. Foto: LWL/M. Lagers.

Wäre der Name nicht bereits prominent besetzt, hätte der Kampf um die Holsterburg auch als Hermannschlacht in die (Lokal-) Geschichte eingehen können. Die fand aber bekanntlich 1285 Jahre früher statt und endete mit einem Sieg Hermanns.

Für die Berkule war nach dem Verlust ihrer Stammburg hingegen nicht nur diese, sondern auch ihr Leitname verbrannt. Mit dem Tod des Ritters und Warburger Burgmannen Johann erlosch 1323 schließlich die Familie von Holthusen. Die von Calenberg sagten sich ebenfalls für mehr als 100 Jahre vom Leitnamen los. Erst zur Mitte des 15. Jahrhunderts trat erstmals wieder ein Hermann von Calenberg in Erscheinung, inzwischen auf Seiten der Sieger von 1294, nämlich als Bürgermeister von Warburg.

Matthäus Merian: Ansicht von Warburg. Aus der Topographia Westphaliae,1647. Bild: Gemeinfrei.

Der Autor Dr. Michael Lagers ist Historiker. Er arbeitet am LWL-Landesmuseum für Archäologie in Herne. Neben Kim Wegener ist er wissenschaftlicher Berater für den VR-Film »Die Holsterburg«.

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LWL-Landesmuseum für Archäologie, Herne